Ein gigantisches Seemonster greift Schiffe rund um die Welt an – oder ist es eine Maschine? Wer steckt dahinter? – Es ist der wahnsinnige, aber dennoch geniale Kapitän Nemo in seinem Unterseeboot Nautilus, der Rache an der Menschheit geschworen hat. 

 

Ein weiterer Klassiker der Science-Fiction-Weltliteratur in einer besonderen Adaption: 20 000 lieues sous le mers von Jules Verne als Comic. Kann man so einen Schmöker auf 64 Seiten zusammenfassen?

 

 

Gary Gianni ist für seinen fast schon altmodisch anmutenden Stil in der Comic-Welt bekannt. Zu seinen meist beachteten Arbeiten gehört die Serie Prinz Eisenherz und er begann seine Karriere auch als Buchillustrator von Klassikern wie Moby Dick. Schon 1992 adaptierte er 20 000 Meilen unter dem Meer als Comic, das nun in einer sehr schicken limierten Auflage beim Insektenhaus-Verlag erschienen ist.

Als Hardcover mit Softtouch-Einband, Heißfolienprägung und Metallecken fühlt es sich an wie ein altes Buch, das man aus den Regalen einer verstaubten Privat-Bibliothek herauszieht. Sehr passend für die Vorlage.

 

Passend ist auch der schon erwähnte Zeichenstil. Giannis Bilder wirken, als hätte man sie aus einer frühen illustrierten Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert herausgerissen und als Comic neu zusammengefügt. Und tatsächlich nimmt sich Gianni die Zeichnungen von Alphonse de Neuville and Édouard Riou als Vorbild, die die Deluxe-Ausgabe des Romans von 1871 illustrierten. Sein Art, mit starken Tuschestriche zu arbeiten, erinnert ohnehin an die Drucktechnik dieser vergangenen Zeit und selbst beim Charakterdesign findet man sehr starke Anleihen.

 

Es wirkt alt, aber nicht antiquiert. Dafür sind die Panels dann doch zu dynamisch oder auch episch angelegt. Große Bilder, die sich auch mal über eine Doppelseite erstrecken können, geben einem das Gefühl, selbst Entdecker zu sein und die Wunder der Weltmeere zu erkunden. 

 

 

"Ich bin nicht das, was Sie unter zivilisiert verstehen."

 

Natürlich ist 20 000 Meilen unter dem Meer aber nur zum Teil eine Abenteuergeschichte. Wir erleben alles aus der Sicht von Prof. Pierre Aronnax. Einem Meeresbiologen, der dem Phänomen nachgeht, dass mehrere Schiffe versenkt. Des Rätsels Lösung ist kein gigantisches Seeungeheuer, sondern eine fantastische Maschine, die zur Zeit, als der Roman entstand, höchstens eine sehr entfernt mögliche technische Leistung war. Ein Unterseeboot, nicht aus Holz, sondern komplett aus Stahl konstruiert, angetrieben von der damals noch wenig erforschten Elektrizität.

 

Vieles, was hier im Detail beschrieben wird, ist wissenschaftlich heute nicht mehr haltbar, aber die groben Ideen und Möglichkeiten sehen wir heute umgesetzt. Was würde wohl ein Leser aus dem Jahr 1869 sagen, wenn er sehen könnte, dass diese Visionen Realität sind?

 

Technik und Industrialierung haben dem Science-Fiction-Genre vor über 150 Jahren den Weg zum Mainstream geebnet. Diesen sense of wonder spürt man auch bei der Lektüre des Comics.

 

Die Verkörperung der Technik in den falschen Händen ist Kapitän Nemo selbst. Er will seine Errungschaft und seine Erkenntnisse über die Welt unter Wasser nicht teilen, sondern sich im Gegenteil an der Menschheit rächen für sein persönliches Unglück, aber auch das Leid, das die Mächtigen der oberen Welt ihren Völkern antun.

 

Wer einmal an Bord der Nautilus ist, verlässt sie nie wieder. Aronnax, sein treuer Diener Conseil und der Harpunier Ned Land sind die einzigen Überlebenden ihrer Expedition, die von Nemo gnadenlos angegriffen wird.

 

In der Folge ist Aronnax zwar fasziniert von den Dingen, die er auf seiner mehrmonatigen Reise von 20.000 Meilen unter den Meeren der Welt erlebt, aber gleichzeitig versucht das Trio immer zu fliehen – scheitert jedoch ein ums andere Mal. Werden sie entkommen und auch das Geheimnis um Käpt'n Nemo lüften?

 

 

Was weit und außerordentlich tief ist; wer kann es erforschen?

 

Nun kann man die technischen und künstlerischen Aspekte dieses Comics außerordentlich loben und auch den Aufwand, den der Verlag macht, um ihn eine würdige Aufmachung zu geben.

 

Wo es dann Punkteabzug gibt, ist die erzählerische Umsetzung oder vielmehr die Art der Adaption. 20 000 Meilen unter dem Meer ist kein kurzes Werk und so breitet sich auf den gerade mal 64 Seiten dieses abgeschlossenen Comics ein Gefühl von Hektik aus.

 

Die verschiedenen Stationen und Abenteuer sind kurze Episoden, stark komprimierte Varianten der Vorlage. Für besondere inhaltliche Charakterzeichnung (gerade bei Nemo) bleibt da wenig Platz.

Natürlich ist dies auch den Umständen geschuldet. Eine solche Umsetzung 1992 auf den Weg zu bringen, war sicher kein leichtes Unterfangen. Würde man der Vorlage aber gerecht werden wollen (die ja auch als Fortsetzungsroman in einer Zeitschrift ihr Debüt feierte), so müsste man jedem der beschriebenen Abenteuer einen eigenen Band widmen.

 

Aber es ist sicher immer eine komische Kritik an einem Kunstwerk, wenn man sagt, dass man gerne mehr von davon gehabt hätte. 20 000 Meilen unter dem Meer ist ein großes Lesevergnügen, gerade für Fans dieses besonderen Stiles von Gianni und natürlich auch für Liebhaber der Romanvorlage. Die Haptik dieser Ausgabe in "Logbuch-Optik", wie es der Verlag nennt, unterstreicht das ganze nochmal. 

 

Die Auflage ist auf 1.000 Stück begrenzt, außerdem enthält sie noch die Bonuskurzgeschichte Räuber der Meere des anderen "Vaters der Science-Fiction", H.G. Wells, die von Gary Gianni illustriert wurde. Comic-Connoisseure dürfen sich also freuen.

 

 

 

erschienen im Insektenhaus-Verlag, 17,90€