Halloween steht an und die Menschen begeben sich auf die Suche nach dem allgegenwärtigen, inneren Schrecken. Zumindest einmal im Jahr will man sich dem Horror hingeben und das Adrenalin pumpen lassen, bis die Knochen zittern. Über den großen Teich geblickt, mag dies kein Novum mehr sein, doch auch hier bei uns übernehmen wir langsam den Wunsch nach einem mit Angst erfüllten Oktoberende. So sei es.

 

 

Auch ich mache mir um diese Zeit Gedanken über den fiktionalen Horror. Im Comic ist dies ein weit verbreitetes Genre, das sich munter an Mythen, Literatur und anderen Bezugsquellen bedient. Wer nach Horror-Comics Ausschau hält, findet schnell nicht selten gelungene Adaptionen bekannter Geschichten. Ob nun Edgar Allan Poe, H.P. Lovecraft oder sogar Stephen King... der Comic macht vor keiner Geschichte halt.

 

Doch dabei wird wohl kaum ein Autor so oft zitiert wie der Finsterling aus Rhode Island. Lovecrafts Kunst mit der Angst vor dem Unbekannten zu kokettieren, scheint der ultimative Lichtbringer im dunklen Gewölbe des Horrors zu sein. Bereits in den 1960er Jahren schuf der französische Künstler Philippe Druillet mit seiner „Lone Sloane“-Saga einen direkten Lovecraft-Querverweis. Aktueller bemüht sich da der Hexenmeister aus Northampton, der 2003 zusammen mit Zeichner Jacen Burrows und der Story „The Courtyard“ Lovecrafts Welt betrat, welche 2010 durch „Neonomicon“ fortgesetzt wurde. Beide Geschichten lehnen sich direkt an mächtigen Cthulhu Mythos an. Noch aktueller kann man Alan Moores Wirken an „Providence“ verfolgen, eine auf gefühlt dutzende Metaebenen gestreckte Story über den geheimnisvollen Werdegang des großen Geschichtenerzählers, angereichert mit unzähligen Verweisen auf dessen Geschichten. Eine so subtil wie genial umgesetzte Hommage.

 

Und wenn wir schon beim großen Cthulu-Lovecraft sind... was wäre Halloween für mich ohne Mike Mignola? Wer meinen Blog halbwegs regelmäßig verfolgt, kennt meinen „Fanboyism“ um den „großen Roten“. Mike Mignolas Hellboy-Mythologie liefert für mich nahezu alles, was ich an amerikanischen Comics liebe: eine grauenvolle komplexe und vielschichtige Welt, voller unvorstellbarerer Fantastereien, tollen Figuren, noch tolleren Geschichten und gnadenlos guten Zeichnungen. Das diesjährige Halloween widme ich daher einer ganz besonderen Geschichte aus dem „Mignolaverse“: „Hellboy: Der Leichnam“

 

Wir schreiben das 1995 und Dark Horse Comics traten an Mignola heran, mit der Bitte doch ein kleines Projekt für Capital City Distribution und deren Reihe „Advance Comics“ in Angriff zu nehmen. Eine Hellboy-Story sollte her, die, auf mehrere Fortsetzungen angelegt, lediglich pro Veröffentlichung zwei Seiten haben solle. In der Summe solle daraus eine Kurzgeschichte werden. Wie man auf solch eine Idee kommen kann, frage ich mich bis heute, doch was Mignola daraus machte, sollte ein ganz besonderer Moment seiner eigenen Bibliografie werden.

 

So entstand „Der Leichnam“, wobei sich Mignola hier der irischen Folklore bediente und Hellboy auf die Suche nach einem verschwundenen Kind schickte. Im Jahr 1959 wird Hellboy nach Irland gerufen, denn ein Kind wurde entführt. So wurde dieses im Haus der Eltern durch ein mysteriöses Fabelwesen namens Gruagach ersetzt, das, wie wir wissen, im späteren Kanon noch einen wichtigen Platz einnehmen sollte. Hellboy muss nun das echte Kind wiederfinden und so wird ihm von drei mythischen Gestalten eine Aufgabe gestellt: er soll die Leiche von Tam O'Clannie einem christlichen Grab zuführen und das noch bevor die Sonne am Horizont aufgeht. Mit dem stinkenden und grummelig-zeternden Kadaver auf den Rücken gebunden, begibt sich Hellboy auf in die Finsternis der Nacht, um Tammy die letzte Ruhestätte zu weisen. Was natürlich nicht ganz komplikationslos vonstattengeht.

 

Als Mignola „Der Leichnam“ verfasste, schien er in eine kleine Sinnkrise gefallen zu sein. Zumindest bezeichnete er die Geschichte zur damaligen Zeit als Tiefpunkt seiner Karriere. Er wusste natürlich noch nicht, dass er gerade einen der wichtigsten Eckpfeiler seiner Hellboy-Mythologie zu Papier brachte, auf welchem später Geschichten wie „Ruf der Finsternis“ (Cross Cult, Bd. 09) oder auch „Wilde Jagd“ (Cross Cult, Bd. 10) aufbauen sollten. Im Deutschen erschien die Geschichte erstmals als Teil der Kurzgeschichtensammlung „Sarg in Ketten“ (Cross Cult, Bd. 04), wobei sie nun im Zuge des kürzlichen erschienen Kompendiums auch in Farbe vorliegt.

 

Wie sehen also: auch dem Augenschein nach unbedeutende Geschichten können am Ende der Nährboden für große Erzählungen sein. Und um das diesjährige Halloween mit Hellboys Worten einzuleiten: „Normalerweise geb ich nichts auf das Geschwätz von Leichen, aber du scheinst ganz in Ordnung zu sein... auch wenn du stinkst.

 

Beste Grüße!

 

 

Mehr von Emu: bizzaroworldcomics.de



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