Kennt ihr das auch, dass euch Freunde und Bekannte immer wieder etwas aus den Känguru-Chroniken vorzitieren, verbunden mit dem vorangestellten Dialog ("Kennst du das Känguru?" "Nein." "Das musst du mal anhören!" "Ja, ich weiß!")? Denn das Känguru ist ja so tooooll!... 

Aber man konnte eben nicht wirklich mitreden..

 

Zum Glück gibt es jetzt den Film! Den können alle lahm finden!

 

 

 

Eine kurze Erklärung

 

Am Einstieg lässt sich schon erkennen, dass ich weder die gedruckten, noch die Hör-Bücher konsumiert habe (außer den vielen Zitaten und Ausschnitten, die mir vorgespielt wurden) und somit völlig unvoreingenommen an diesen Film herangehen konnte. 

 

HAHA! Aber kann man dann wirklich unvoreingenommen an diesen Stoff herangehen? Nun, im Prinzip schon, denn ich hatte weder ein gesteigertes Interesse an der Vorlage, noch fand ich sie in irgendeiner Weise schlecht. Im Gegenteil: wenn die Menschen das Känguru so ausgiebig zitieren, muss es ja einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben. 

 

Nun hat die Buchvorlage natürlich das Problem, dass dort mehr oder weniger Episoden rund um das Leben mit dem Känguru erzählt werden (so viel weiß ich) und dass dies den Machern des Films, zu denen auch Autor Marc-Uwe Kling gehört, offenbar nicht ausreichte, um daraus eine durchgehende Handlung und Geschichte für einen abendfüllenden Spielfilm zu stricken.

 

So wird also eine neue, größere Geschichte um Gentrifizierung, Kapitalismus, Rechtsextremismus, Streben nach Freiheit und Toleranz, aber auch sogar ein bisschen Liebe präsentiert, indem das Känguru seine Erkenntnisse um die Welt und das Leben zum besten geben darf.

Zumindest scheint das die Theorie gewesen zu sein.

 

Das Känguru quartiert sich beim Kleinkünstler Marc-Uwe Kling in seiner Wohnung in einem noch mehr oder weniger "unberührten" Berliner Kiez ein. Beide leben so vor sich hin, Kling würde wohl gern mehr von seiner Nachbarin haben, traut sich aber nicht wirklich etwas dafür zu tun; ansonsten hat man es sich gut eingerichtet, zwischen der Eckkneipe und dem Kiosk/Imbiss/Späti, wo sich Menschen unterschiedlicher Herkunft gut verstehen und noch zusammenhalten.

 

Ersten Trouble gibt es mit einer Bande Neonazis, mit denen sich das Känguru anlegt, richtig problematisch wird es jedoch, als ein Baulöwe auf den Plan tritt, der nicht nur das Kiez aufkaufen und dort einen phallusartigen Wolkenkratzer hinsetzen will, sondern auch Vorsitzender einer "patriotischen" Partei namens AzD (Alternative zur Demokratie) ist. 

Gegen den verkappten Rechtsradikalen und seine kapitalistisch-ausbeuterischen Methoden helfen nur konkrete Gegenmaßnahmen, angeführt vom Känguru.

 

 

Intention und Ausführung

 

Wenn man die reine Handlung wiedergibt, könnte man dahinter doch das tatsächliche Meisterwerk vermuten, das mit Klugheit und entlarvendem Witz ein Bild unserer Zeit präsentiert, aus dem man neben der Unterhaltung auch Kraft und Mut schöpfen kann, wenn es um die Verteidigung einer liberalen Gesellschaft geht.

 

Stattdessen enthüllt sich eine teilweise sehr klamaukhafte Action-Komödie, die nicht mit Klischees spielt, sondern sie vielmehr in einer großen Parade vorführt. Die entlarvend-komischen Weltbetrachtungen des Kängurus sind auch nicht der zentrale Bestandteil, den die Zuschauer hinterher mitnehmen, sondern (die wenigen, die es gibt) reihen sich in die nervigen Charaktereigenschaften des Kängurus ein.

Das einzige, was das sprechende Tier sympathisch erscheinen lässt, ist die Tatsache, dass es aktiv gegen "das Böse" vorgeht, während Marc-Uwe Kling hier als totaler Waschlappen inszeniert wird, der nicht mal eine Frau zu einem Date einladen kann, die offensichtlich etwas für ihn übrig hat.

 

Das "Böse" ist auch so ein Thema. Der AzD-Vorsitzende Megakapitalist ist eben nur das: ein neurotisches, reiches Arschloch, das eine fiese Weltanschauung hat (dies aber im Film mehr kaschiert, als offen auszusprechen). Die Neonazi-Bande ist einfach nur dumm und auf Krawall aus. Wir wissen, dass sie Nazis sind, weil sie so aussehen und am liebsten Linke verprügeln. Entlarven muss man da nichts mehr. 

 

Die Nebenrollen der Guten sind alle durchweg auf ihre Art sympathisch (auch weil sie zum größten Teil einfach normale Leute sind) – und natürlich möchte man, dass sie in ihrem Kiez, so wie es ist, wohnen bleiben dürfen. Wie man erzählerisch dort hinkommt, dürfte allerdings unter den Fans für einige Diskussion sorgen. 

 

Dani Levy hat hier in gewissem Maße eine Kinderkomödie für Erwachsene nach derzeit angesagtem typisch deutschen Stil vorgelegt. Es gibt viel Action, Slapstick, ab und zu ein paar Metakommentare (gerade der Anfang versucht dies), was dann alles in eine Art Heist- oder Agenten-Thriller-Parodie abgleitet, in der auch der fiktive Kling sein Phlegma überwindet und zum Happy End beiträgt (Das ist kein Spoiler. Jeder, der was anderes erwartet hat, hat sehr falsche Erwartungen).

 

 

Ist das nun alles schlecht? 

 

Nö. Tatsächlich vergehen diese anderthalb Stunden sehr schnell, es wird straff erzählt, auch was die vielbeschworene Action angeht, kann man inszenatorisch nicht meckern. Selbst das Känguru mit seiner Mischung aus CGI und realen Spezialeffekten kommt sehr gut gemacht daher und bald hat man sich auch an diese seltsame Erscheinung als eigenständigen Charakter gewöhnt.

 

Einige Gags sitzen auch richtig gut und nicht einmal der kleine Junge schafft es zu nerven. Allen Darstellern merkt man eine Freude am Spielen an, besonders Henry Hübchen als rechter Baulöwe und Bettina Lamprecht als seine Frau hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Selbst Dimitrij Schaad spielt den Waschlappen Marc-Uwe waschlappiger als viele es wohl könnten. Dass einem das irgendwann auf den Zeiger geht, ist ja nicht seine Schuld (und zum Glück ändert sich das auch gegen Ende des Films).

 

 

Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser Film das ist, was die Fans der Bücher gerne sehen wollten. Die guten Gags kommen fast alle aus Situationskomik zustande. Die Weisheiten des Kängurus werden Fans auch schon auswendig kennen, der uneingeweihte Zuschauer wird sich wundern, dass von diesen nur so wenig zu hören sind.

Ein bisschen von dem, was der Film hätte sein können, sieht man beispielweise in der Szene, als das Känguru und seine Freunde eine Party des AzD-Vorsitzenden sprengen und dort die tumben Weltanschauungen der Gäste enttarnen.

 

Von solchen Sachen gibt es aber viel zu wenig und auch insgesamt scheitert man doch eher an dem Versuch, rechtsradikale Gedanken und Taten in der Gesellschaft bloßzustellen. Dafür sind die Nazis als Bösewichte zu austauschbar und der reiche Populist zu unklar definiert. Sie sind keine wirklichen Menschen, denen man auch im wahren Leben begegnen könnte, sondern solche Karikaturen, dass man zwar leicht über sie lachen, sie aber genau so schnell wieder vergessen kann.

 

Der Plan, sich dem Baulöwen zu entledigen, besteht auch nicht so sehr darin, der normalen Bevölkerung seine Absichten zu enthüllen, sondern ihn bei seinen europäischen rechtspopulistischen Verbündeten (hier werden keine Chiffren verwendet, es sind Le Pen, Farrage, Wilders & Co.) unmöglich zu machen. 

 

Das ist dann doch zu wenig, wenn man sich von der episodischen Struktur der Vorlage entfernen will. Fast hat man das Gefühl, dass die Promotion, die derzeit für den Film überall zu sehen und zu lesen ist, hintergründiger daherkommt als das Produkt, für das man Werbung macht.

 

An sich haben wir es hier mit einer unterhaltsamen Klamaukkomödie mit wenigen Ansätzen von Tiefgang zu tun. Wäre nicht Marc-Uwe Kling selber verantwortlich, so könnte man meinen, hier haben gierige Produzenten eine geniale Vorlage für ein vorgebliches Massenpublikum glattgebügelt.

 

Für ein geistreiches Fazit bräuchte man wohl in diesem Fall das Känguru, denn im Grunde lässt Die Känguru-Chroniken jemanden wie mich nicht gelangweilt, aber kalt zurück. Treue Fans werden sich wohl eher betrogen fühlen.