Ein Hilfeschrei aus dem syrischen Aleppo... von 1380! Visionen einer gequälten Gefangenen und ein unheimlicher Mann, der uns in unseren Träumen begegnet und dann in unserem Zimmer steht...  Doctor Who dringt in die Abgründe unseres Bewusstseins.

 

 

 

Allein mit sich selbst

 

Nach einer Reihe sehr intensiver und lang andauernder Abenteuer ist die TARDIS Crew erstmal wieder zu Hause angekommen, wenn auch mit ein klein wenig Verspätung. Der Doctor hat sich mal wieder um ein paar Tage bei der Ankunftszeit verrechnet.

 

Alle vier scheinen müde von der Reise zu sein, aber so ganz glücklich ist auch niemand, da sie sich immer noch schwer tun, wenn sie in ihr altes Leben zurückkehren. Gerade Ryans Kumpel machen ihm seine ständige Abwesenheit zum Vorwurf. Yaz und ihre Familie können noch immer nicht so gut miteinander (was eben nicht besser wird, wenn sie immer weg ist) und Graham hat zwar seine Pokerfreunde, aber es wird schnell klar, dass er nach Graces Tod nicht mehr viel zu erleben hat, wenn er nicht mit dem Doctor unterwegs ist. 

 

Auch die möchte ein wenig für sich alleine sein (was man ihr aber nicht hundertprozentig abkauft). Bevor sie aber irgendwas unternehmen kann, dringt ein gruseliger Mann in die TARDIS ein und verschwindet so schnell wie er kam, bevor der Doctor ihn überhaupt bemerken kann.

 

Er hinterlässt eine Spur, die den Doctor ins mittelalterliche Aleppo bringt, wo ein Monster ein Krankenhaus heimsucht. Eine verstörte junge Frau ist übrig, die das Monster aus irgendwelchen Gründen verschont hat. 

Gleichzeitig gehen seltsame Dinge bei den Companions vor, die alle mit dem gruseligen Mann zu tun haben. Dieser stellt etwas mit ihren Träumen an und Graham hat Visionen von kollidierenden Planeten und einer Frau, die irgendwo gefangen ist. 

 

Nach einer kurzen Telefonkonferenz landen alle zusammen auf einer Raumstation auf der anderen Seite der Galaxis. Aber dies ist eine Falle...

 

 

Fear makes companions of us all... (leichte Spoiler)

 

Das Thema Furcht und Alpträume ist nichts neues für Doctor Who. Und auch die Grundidee, um die es hier geht, dass bestimmte Wesen von unserer Furcht zehren, ist nicht gerade neu. Die unsterblichen Geschöpfe, die unsere Alpträume ausnutzen, um von all den negativen Gefühlen zu leben, sind dafür aber recht geheimnisvoll und interessant umgesetzt. Sie spielen tatsächlich auch nicht so sehr die Hauptrolle, sondern sind eher Mittel zum Zweck, damit wir einen tieferen Einblick in die Companions und auch den Doctor bekommen. 

 

Recht originell ist die Idee, dass der gruselige Mann seine Finger abtrennen kann, die dann im Schlaf in die Ohren der Menschen schweben, um dort die negativen Gedanken abzuzapfen. Das ist gleichzeitig so ekelig und absurd, dass wahrscheinlich nur Doctor Who mit so etwas durchkommt. 

 

Das Geheimnis, das hinter den Vision steht, wird auch recht schnell gelöst; so geht mehr darum, wie man die unsterblichen Wesen aufhalten kann und dabei gleichzeitig die eigenen Ängsten überwindet. 

Im Grunde stehen sie sinnbildlich für die Ängste, Selbstzweifel und auch Depressionen, die uns als Menschen plagen. Schwarze Wolken, die in unseren Köpfen entstehen, sich immer selbst verstärken und uns im schlimmsten Falle in einem ständigen Teufelskreis gefangen halten. Davon leben diese Wesen und sie zu besiegen, bedeutet auch, sich den eigenen Ängsten zu stellen.

 

Darum dreht sich diese Folge, bei der nach langer Zeit wieder einmal das Innenleben der TARDIS Fam im Mittelpunkt steht. Zwar haben wir wieder eine Gastfigur, die helfen kann, sie tritt aber deutlich weniger in den Vordergrund als diejenigen aus den vorangegangenen Episoden.

 

Wir erfahren mehr über Yaz und wie sie es überhaupt geschafft hat, von einer unversicherten jungen Frau zu der zu werden, die sie nun ist. Ryan muss erkennen, dass ihm Dinge am Herzen liegen, die er seit einiger Zeit wissentlich ignoriert, so dass er seine Prioritäten neu ordnen muss. Und auch Graham gibt uns Einblick in sein Seelenleben. Seine Furcht, dass seine Krebserkrankung zurückkehrt und er dann ohne Grace völlig alleine wäre, macht uns klar, warum er damals so schnell Gefallen am Reisen mit dem Doctor gefunden hat.

 

Selbst der Doctor öffnet sich uns kurz. Die Vision des "Timeless Childs", die ihr der Master gezeigt hat, ist ihre größte Angst. So knüpft sich die Folge zumindest lose an die übergreifende Story der Staffel an und enthüllt, dass es doch um sehr viel gehen wird und dass der Doctor mehr weiß, als sie zugeben will.  

 

Die schönste Szene ist dann für den Doctor und Graham reserviert, als er ihr flüsternd seine Ängste mitteilt und sie ihm auf drollige Art klarmacht, wie stark ihre "social awkwardness" noch immer ist, aber sie es gern besser machen würde.

 

Can Your Hear Me? stetzt eine schöne Pause nach all der Action der bisherigen Staffel und lässt uns wieder mehr am Seelenleben der Figuren teilhaben. Die Bösewichte sind so in Szene gesetzt, dass sie zwar leichtes Unbehagen verursachen, aber nicht zu übertrieben sind. Auf der anderen Seite heben sie sich (von den abgetrennten Fingern mal abgesehen) auch nicht besonders hervor. 

 

Die Stärke der Folge sind die Szenen um den Doctor und ihre Companions – sie bauen eine gute Grundlage auf, um die zukünftige Entwicklung der Charaktere voranzutreiben. Von hier aus gäbe es genug Gründe, warum z.B. Yaz und Ryan irgendwann das Reisen mit dem Doctor aufgeben könnten. Zugleich zeigt es sich wieder einmal, wie sehr sich die beiden weiterentwickelt haben und wie wichtig sie für den Doctor sind.

 

Hier kann man deutlicher erkennen, wie sich die drei etwa von den Companions der Moffat-Ära unterscheiden. Dort waren die Charaktere meistens Teil einer höheren Bestimmung und durften oft nur reagieren, ihre eigene Entwicklung stand weniger um Vordergrund. Anstatt aus Graham, Yaz und Ryan Figuren zu machen, die irgendwann überlebensgroße Taten vollbringen, erleben wir drei normale Menschen, die jeder sein könnte; die zwar über sich hinaus wachsen, aber immer noch bodenständig sind – und dementsprechend auch den Doctor am Boden halten. Zugleich werden sie auch für sie immer wichtiger.

 

Wohin das mit Blick auf den großen Erzählbogen führt, wird sich noch zeigen, aber es wird vermutlich sehr emotional werden.

 

Nächste Woche geht es allerdings wieder in eine komplett andere Richtung. Stichwort: Frankenstein... 

 

 

 

Fotos: © 2020 BBC