Parasite - ein Film über den man am besten so wenig wie möglich weiß, um aus dem Kino mit offenen Mund zu laufen. Soviel sei gesagt: mein Film des Jahres 2019.

 

 

Immer öfter kommen richtige Kracher aus dem asiatischen Bereich. Nicht zuletzt konnten Filme wie Burning, Shoplifters oder Train to Busan richtig Eindruck schinden. Natürlich sollte man auch ein kleines Faible für diese Art von Filminszenierung haben, lässt man sich aber darauf ein, bekommt man meist eine absolut befriedigende Reise der Emotionen.

 

 

 

 

Die Familie Kim lebt in sehr ärmlichen Verhältnissen und versucht sich irgendwie über Wasser zu halten. Der junge Ki-woo möchte gerne studieren, um der Familie ein besseres Leben zu ermöglichen. Als ein Freund von Ki-woo ihn bittet, seine Stelle als Nachhilfe Lehrer für Englisch bei einer reichen Familie zu übernehmen, klügelt die Familie einen Plan aus, wie sie doch noch aus ihrer Lebenslage kommen.

 

 

 

 

Mehr braucht man zur Story nicht zu wissen. Ja, ich gebe zu, dass spricht jetzt nicht für den Film des Jahres oder klingt so außergewöhnlich, dass man unbedingt ins Kino rennen sollte - hier müsst ihr tatsächlich einmal Vertrauen in die Kritiken der Leute haben, die diesen Film bereits sehen durften. Der Film ist kein typisches Familiendrama im Sinne von "kennste einen, kennste alle!" Es wird gerade zu Beginn sehr viel Witz mit hinein getragen.

 

Das Spiel mit dem Humoristischen und dann gleichzeitig bitter Bösen ist nahezu perfekt. Man kommt immer wieder an den Punkt, wo man mal auf der Seite der Familie Kim ist, dann wieder dagegen, dann wieder für sie... Am Ende sind die Familienmitglieder grau Charaktere, die nur in der Gesellschaft überleben wollen und bereit sind ALLES dafür zu tun.

 

Song Kang-ho ist wohl der bekannteste der Darsteller. Kennt man ihn aus anderen südkoreanischen Filmen, wie The Good, the Bad, the Weird, The Host oder A Taxi Driver. Am bekanntesten für das westliche Publikum war seine Rolle in Snowpiercer an der Seite von Chris Evans.

 

Seine ruhige und geichzeitig ausgeflippte Art zu spielen ist auch hier wieder ein Kernstück der Figur. So ist er der sorgende Vater, der versucht das Positive in allem zu sehen. Er versucht die Familie so gut es geht zu motivieren.

 

Choi Woo-Shik spielt den Sohn der Familie und hat ebenfalls eine Menge guter Filme in seiner Vita. Er ist anfangs der eigentliche Ankerpunkt der Geschichte: Mit seiner Möglichkeit Nachhilfe bei der reichen Familie zu geben, entwickelt sich der Plot um die beiden Familien.

 

Somit ist er unterschwellig die Hauptfigur. Der Sohn ist sehr ehrgeizig, besitzt aber durchaus ein Gewissen; sein Drang seiner Familie Halt zu geben ist allerdings so stark, dass er sich eben auf kleine Spielereien einlässt.

 

 

 

Es gibt natürlich noch weitere Figuren, die erwähnenswert sind. Jedoch kann man generell sagen, dass hier wirklich von allen gut gespielt wird. Keiner macht Quatsch oder spielt übertrieben. Alles passt, seien es die sympathischen oder unsympathischen Figuren. Da komme ich auch zu etwas, was mich wirklich beeindruckt hat: Der Film ist jetzt nicht hochbrutal, explizit oder ekelerregend.

 

Aber was den Ekel angeht, so spielt der auf einem anderen Niveau - es ist kein visueller Ekel, sondern ein emotionaler. Es gibt Figuren, die widern einen einfach an. Sei es durch ihre Taten oder wie sie sich verhalten. Man betrachtet sie mit Abscheu, obwohl man in gewisser Weise ihr Handeln nachvollziehen kann.

 

Ebenfalls verschwimmen die Linien des Genre. Man ist sich nicht bewusst, wann aus der anfangs schwarzen Komödie ein Drama, Satire oder Gesellschaftskritik wurde. Es gibt fließende Übergänge, die man erst realisiert, wenn sie schon längst passiert sind. Gleiches gilt für die Plottwists. Sie sind klein und recht unscheinbar, aber absolut überraschend.

 

Der Film vermischt bitterböse Gesellschaftskritik mit dem freudigem Zusammensein einer Familie. Die witzigen Momente werden schockierenden Bildern gegenüber gestellt. Gerade die Betrachtung vom Lebensstil der ärmlichen Familie gegenüber der reichen ist wahnsinn. Man zeigt auf, wer welche Probleme hat und was für beide Schichten der Gesellschaft von Belang ist.

 

Ganz pregnant steht hier eine Szene für mich, in der das reiche Pärchen auf der Couch übernachtet. Ihr kleiner Sohn schläft draußen im Zelt, weil er es so will. Familie Kim versteckt sich gerade unter dem übergroßen TV-Tisch, da sie eigentlich nicht da sein sollten.

 

Das reiche Pärchen hat derweil Sex auf der Couch mit ein bisschen Rollenspiel. Er gibt den Zuhälter und sie die Prostituierte, die gerne Drogen kaufen möchte. Für die beiden ist diese Vorstellung so verrucht und antörnend, da sie mit dieser schmutzigen Welt niemals in Berührung kommen werden. Die Familie Kim wiederrum schämt sich und findet es sichtlich ekelhaft. Denn sie kennen diesen Schmutz, der teilweise vor ihrer Haustür statt findet.

 

 

Solche kleinen Szenen sind es, die einen selbst nachdenklich werden lässt. Dazu muss man auch sagen, dass die reiche Familie keineswegs überzeichnet wirkt oder mit aller Macht die Klischees bedient werden. Der kleine Sohn ist verwöhnt und er weiß es. Er kriegt, was er möchte und nutzt das natürlich aus. Die Mutter ist zwar leichtgläubig, aber auch nur, weil sie eben in einer wohlbehüteten Wlet lebt.

 

Der Vater streng, aber stehts auf seinen Vorteil bedacht, da er gleiches in seiner Geschäftswelt anwenden muss. Die Tochter gibt sich recht teenagerhaft und versucht auch verbotenes. Für diese Familie scheint es keine Grenzen zu geben und sie können sich ein schönes Leben leisten.

 

Was soll denn böses passieren? Sie haben doch genug Geld, um sich Schutz und Geborgenheit zu kaufen. Genau da setzt die Familie Kim an und nutzt dieses leichtgläubige Vertrauen aus. Wie bereits beschrieben, es ist ein Auf- und Ab der Gefühle.

 

 

 

 

 

Wen ich jetzt immer noch nicht überzeugen konnte, sich diesen Film anzuschauen, der verpasst wohl ein absolutes Meisterwerk. Man könnte auch sagen, dass Parasite der fiesere Shoplifters ist. Dieser Film zählt nicht zu den Blockbustern und wahrscheinlich zählt er eher zu den ernsteren schwereren Filmen, die ja gerade jetzt in der Herbstzeit oft ins Kino kommen. Jedoch sollte man sich davon nicht abschrecken, sondern sich wirklich darauf einlassen.

 

Man bekommt hier einen sehr cleveren Film mit großartigen Darstellern und einer Geschichte, die sehr unvorhersehbar ist. Man geht definitiv ein bisschen sprachlos aus dem Kino, weiß aber innerlich, dass man hier etwas großartiges gesehen hat.

 

Was ebenfalls wichtig ist, dieser Film besitzt keinerlei Längen. Es passiert jede Minute etwas spannendes oder unterhaltsames. Obwohl die Thematik eigentlich zu Langerweile führen kann, passiert dies nicht.

 

Bitte, bitte gebt diesem Film eine Chance und wenn er euch gefallen hat, erzählt es weiter. Für so etwas existiert Kino. Ein sehr wichtiger Film für das Jahr 2019.