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Bild Kritik Wind River

Er ist kalt und düster, der Winter in Wyoming. Wenn du stirbst, interessiert es niemanden. Hier gibt es nichts, nur Weite und Einsamkeit. Und keine Hoffnung.

 

 

Ein Flecken Nichts

 

Taylor Sheridan vollendet mit "Wind River" seine Frontier-Trilogie. Aus seiner Feder stammen bereits "Sicario" und "Hell or High Water". Aus dem sonnigen Süden geht es nun in ein verlorenes Indianerreservat im mittleren Westen der USA. Beide Vorgänger waren kompromisslose Milieustudien im Krimi-Gewand, hochgelobt von Publikum und Kritik, die mit hartem Blick das Niemandsland des armen Amerikas erforschten. Gegenden, in denen die Menschen abgehängt wurden und ohne jede Perspektive in die Kriminalität abgleiten, um zu überleben. Ein Blick auf die Landkarte zeigt: Wyoming ist in der Tat ein riesiges, rechteckiges Stück Nichts am Rand der Rocky Mountains. Nicht zuletzt eben deswegen musste das Produktionsteam auf das benachbarte Utah ausweichen, um überhaupt ausreichende Infrastruktur für den Dreh vor Ort zu haben.

 

 

 

 

 

Die letzten Indianer

 

Das beeinträchtigt die Landschaftsaufnahmen nicht im Geringsten. Die verschneite Einöde der Wind River Indian Reservation ist glaubhaft trostlos. Traumhafte Shots vor wilder Kulisse, die fast schon romantisch sind – bis wir die Menschen kennen lernen. Denn niemand möchte hier leben. Darum wurden dereinst auch die Stämme der Shoshone und Arapaho dorthin vertrieben. Ihre Nachfahren sitzen hier immer noch fest und fristen in Trailerparks ihr Dasein, mit wenig Lust auf weiße Amerikaner, Ärger oder Geplauder. Wer sich nicht in Drogen flüchtet, lechzt nach kleinsten Lebensfreuden – eine Frau, die das Bett wärmt, Familienglück oder der Kick eines Jagdausfluges.

 

 

 

 

Tod im Schnee

 

Als zehn Kilometer von jeglicher Behausung entfernt eine barfüßige Mädchenleiche gefunden wird, sind die Bewohner verständlicherweise wenig begeistert von der ermittelnden Polizei. Der ortsansässige Jäger Cory (Jeremy Renner), der die Leiche fand, hilft dem resignierenden Sheriff beim Umgang mit den Einheimischen und Spurenlesen. Ohne Verdächtige oder Zeugen auch nur ansatzweise in der Nähe des Tatorts sind die auch das einzige, was übrigbleibt. Die konventionellen Methoden, der widerwillig aus Las Vegas beorderten FBI-Novizin Jane Banner (Elizabeth Olsen) bleiben schnell im Schneesturm stecken. Fährtenleser Cory hilft, wo er kann – nicht ganz eigennützig, denn seine eigene Tochter kam vor Jahren auf ähnliche Weise ums Leben. Außerdem hat sein guter Freund Martin, einer der Natives, soeben mit dem Mordopfer seine Tochter verloren und ist am Boden zerstört. Die Spurensuche führt langsam zu einem Fall, der in seiner Banalität wohl kaum Tatort-Stoff wäre – aber von herzzerreißender Tragik für die einzelnen Betroffenen.

 

 

Jeder muss leiden

 

Taylor Sheridan, der diesmal selbst Regie führt, gelingt es, diese Tragik behutsam herauszukristallisieren und mit Wucht auf den Zuschauer zu schleudern. Was zunächst wie ein durchschnittlicher Krimi wirkt, entpuppt sich im letzten Drittel in einigen langen, emotionalen Szenen als realistischer Thriller mit kompromissloser Härte. Sheridan scheut sich nicht, dem Zuschauer auch explizite Darstellungen zuzumuten. Dabei verzichtet er auf einen allzu deutlichen Metaplot. Mit wenig Worten und einem klagenden Score umschifft er Genre-Konventionen und jeglichen Pathos. Dadurch trifft das langsam entwickelte Drama tief und bewegt noch tagelang.

 

 

 

 

Fazit

 

Im Krimi-Gewand verbirgt sich ein moderner Western, voller Zynismus – so scheint es. Doch auch hier spielt Sheridan mit den Erwartungen und hält zum Nachdenken an. Denn eigentlich dreht sich „Wind River“ nicht um Rache, Gerechtigkeit oder den Kampf eines einsamen Aufrechten. Sondern um den Umgang mit Verlust. Ob als Narbe aus der Vergangenheit, kulturelle Identität oder die eigenen Lebenspläne, verschwendet aus reiner Faulheit mit billigen Ausreden: Sheridans Helden sind keine selbstsicheren Muskelberge, sondern sie zweifeln, dürfen Gefühle zeigen, ergreifen die Flucht.

 

All diese Zwischentöne gipfeln in eine herzzerreißende Schlusssequenz, ein ehrliches Männergespräch vor der rauschenden Autobahn. Am Ende überlebt nur, wer es schafft die Wunden in seiner Seele zu ertragen. Sitzen bleiben lohnt sich also, trotzdem es keine Explosionen oder bunte Superhelden zu sehen gibt – dafür wortkarge Bilder aus dem hoffnungslosen Herzen Amerikas, dessen Kälte und Verlassenheit in Mark und Bein kriecht.

 

 

 

Bildquelle:

 

Wild Bunch Germany