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Eine Zeit lang sah es nicht danach aus, als ob jemals wieder eine "Star Trek"-Serie über den Bildschirm laufen würde. Die neuen Kinofilme waren finanziell ein Erfolg (zunächst), aber vom Inhalt her so weit entfernt vom eigentlichen Kern des Franchises wie es ein schlechtes Imitat eben nur sein konnte. 

 

Denn Star Trek ist ein Kind des Fernsehens und funktioniert am besten als Serie. Glücklicherweise befinden wir uns im neuen goldenen Zeitalter der Serie. Da durfte etwas wie Star Trek eigentlich nicht lange hintendran bleiben. Aber Probleme in der Produktion warfen das jüngste Mitglied "Discovery" in seinem Zeitplan immer wieder zurück.

 

Doch das Warten ist vorbei. Und wie ist nun die neue Serie?

 

 

Captain's Log... nee, Moment: First Officer's Log

 

"Star Trek: Discovery" beschreitet schon neue Wege, indem die Hauptfigur nicht der Captain des namensgebenden Schiffes ist, sondern die erste Offizierin. Commander Michael Burnham, gespielt von Sonequa Martin-Green (bekannt aus "The Walking Dead") ist ein Mensch, der bei den Vulkaniern aufgewachsen ist. Ihr Ziehvater ist Sarek, dessen leiblicher Sohn Spock dem einen oder anderen bekannt sein sollte. Nachdem ihre Eltern bei einem Angriff der Klingonen getötet und sie schwer verletzt wurde, nahm Sarek sie als Mündel an und zog sie auf - ganz nach vulkanischer Weise. In Rückblicken wird angedeutet, wie schwer es für Burnham war, sich ganz der Logik und der Emotionslosigkeit zu verschreiben und dies auch nie wirklich durchgezogen hat.

 

Sarek bringt sie zur Sternenflotte, sie dient fortan unter Captain Philippa Georgiou (Michelle Yeoh) auf der USS Shenzhou und steigt dort zum ersten Offizier auf. Zurück unter Menschen öffnet sie sich und wir erleben sie als eine höchst disziplinierte und intelligente Offizierin, die aber auch von inneren Konflikten geprägt ist. 

 

Diese treten vollends zu Tage, als Burnham bei einer Mission den Klingonen begegnet. Seit knapp hundert Jahren gab es keinen richtigen Kontakt mit der Kriegerrasse, von Scharmützeln und Überfällen wie der, bei dem Burnhams Eltern starben, abgesehen. Es ist jedoch kein Zufall. Ein Fundamentalist mit messianischen Ansprüchen, T'Kuvma, will die zerstrittenen 24 herrschenden Häuser zu einem Imperium vereinen. Getrieben von religiösem und rassischem Extremismus stellt er der Föderation eine Falle, um einen Konflikt heraufzubeschwören.

 

Dank Michael Burnham gelingt dies schneller als gedacht...

 

 

 

 

AB HIER SPOILER! 

 

Großer Umfang, großes Drama

 

Burnham gerät in Panik angesichts der Klingonen. Sie will ihre Crew und vor allem ihren Captain, zu der sie ein Mutter-Tochter-ähnliches Verhältnis pflegt, unter allen Umständen schützen. Sie rechtfertigt sich mit Logik und will die Klingonen angreifen, so wie es die Vulkanier nach ihrem ersten Kontakt mit der Kriegerrasse getan haben. Das bringe Respekt. Aber die Sternenflotte handelt eben nicht so. Burnham geht soweit, ihren Captain außer Gefecht zu setzen und quasi zu meutern – als einziges Crewmitglied.

 

Sie kann die anschließende Schlacht und die Niederlage der Föderation nicht verhindern. In einem letzten Versuch und nach der Versöhnung mit Georgiou wollen sie T'Kuvma gefangen nehmen. Der Plan misslingt, Captain Georgiou und auch T'Kuvma werden getötet, Burnham wird wegen ihrer Taten zu lebenslanger Haft verurteilt.

 

Mit diesem Mega-Cliffhanger endet der Pilotfilm, der eigentlich keiner ist. Er ist vielmehr die Vorgeschichte zur eigentlichen Serie. In diesen ersten beiden Folgen taucht weder die USS Discovery, noch die Hälfte der Stammbesetzung auf.

 

Ein sehr mutiger Kniff, um die Zuschauer dazu zu bringen, weiterzuschauen oder im Fall des U.S.-Publikums, ein Abo abzuschließen. Der Pilotfilm lief im Free-TV, die weitere Staffel gibt es nur im Streamingservice von CBS. Der Rest der Welt hat es mit Netflix einfacher.

 

 

 

 

Ein Schritt zurück, ein Sprung nach vorn

 

Angesichts des Erfolges der Reboot-Kino-Filme stand natürlich als erstes die Frage im Raum, ob die neue Serie in deren Universum spielt oder in dem altbekannten, das seinen Anfang 1966 mit der Originalserie nahm. Hier ging man einen hybriden Weg. 

 

"Star Trek: Discovery" ist Teil des alten Universums und spielt zehn Jahre vor der ersten Staffel der Originalserie. Der Look ist aber eindeutig an die neuen Kinofilme angelehnt, bzw. geht sogar darüber hinaus. Dank besserer technischer Möglichkeiten und eines gigantischen Budgets wird nicht gekleckert, sondern geklotzt. Die Effekte im Weltraum als auch auf einem Planeten haben Kino-Niveau, dazu wird der kinetische Stil des Reboots übernommen. 

 

Die Kamera steht selten still, angeschrägte Winkel, Fahrten mit Drehung um Raumschiffe und Personen herum, Weltraumflüge aus subjektiver Sicht sind das Credo – und ja, tatsächlich auch Blendenflecke (im Volksmund Lensflares genannt), allerdings haben diese auch eine Motivation und eine Quelle. Dies kann man durchaus als Kommentar zu den Kinofilmen und dem oft aufgesetzt wirkenden Stil von J.J. Abrams verstehen.

 

Natürlich hört es da nicht auf. Die Sets sind groß und sehr detailliert, aber eher düster. Auch die Uniformen haben einen nüchternen Stil und wirken wie eine Mischung aus den Uniformen von "Star Trek: Enterprise", "The Next Generation" und den Filmen der Originalcrew. Als Übergangsform kann das durchaus durchgehen. Sie machen auch was her, aber die Hardcore-Fans wissen, dass damit gegen den Canon verstoßen wird.

 

Uniformen aus der Zeit vor Kirk wurden bereits in der Originalserie gezeigt und sahen eben völlig anders aus. Es gibt Anspielungen auf den ersten unveröffentlichten Pilotfilm von "Star Trek TOS", so hat man das Farbmuster für die einzelnen Abteilungen bei den Uniformen von "Discovery" übernommen. Aber es ist klar, dass sich die Macher ganz selbstbewusst kreative Freiheiten herausnehmen. Das fängt bei den holografischen Displays an und endet ganz offensichtlich dann beim Look der Klingonen.

 

Dafür braucht der Hardcore-Fan auch keine Erklärung á la genetischer Virus erwarten. Es wurde in Interviews klar kommuniziert, dass man einen neuen, noch extremeren Look wollte. Das hat man durchaus erreicht. Ähnliches wurde auch schon beim allerersten Kinofilm ganz bewusst von Serienschöpfer Gene Roddenberry gemacht. Eine Erklärung gab es auch keine, der Look der Klingonen wurde sogar verfeinert und später in allen Serien übernommen.

 

Der nachträgliche Hintergrund für das andere Aussehen wurde ironisch wegkommentiert und erst ganz am Ende bei "Star Trek: Enterprise" aufgeklärt. Es gibt also durchaus Präzedenzfälle für so etwas und sich als Fan darüber zu ärgern ist vergebene Liebesmüh. Wollte man es ironisch angehen, könnte man sagen, dass man erst jetzt, in Zeiten von 4K-Auflösung, das wahre Aussehen der Klingonen erkennen kann.

 

Eine Enttäuschung ist dagegen die Titelmusik. Das Thema wurde im Vorfeld immer wieder angeteasert und als großartig beschrieben. Im Ohr bleibt die Melodie aber nicht. Das ist sehr schade, vor allem da dies ein Markenzeichen aller Star Trek-Serien war. Selbst das kontroverse, gesungene Intro von "Enterprise" hatte mehr Ohrwurmqualitäten.   

 

 

Neue Welten, alte Konflikte

 

Viel wichtiger ist natürlich, ob man den Weg der Kinofilme und damit sinnloser Action, gepaart mit dämlichen Charakterzeichnungen geht. Hier ist die klare Antwort: nein.

 

Nicht die ganze Crew vorzustellen, sondern nur wenige Charaktere in den Mittelpunkt zu rücken, erweist sich als erzählerischer Glücksgriff. Die ersten Folgen drehen sich ohne wenn und aber um Michael Burnham. Es ist ihre Geschichte, ihr innerer und äußerer Konflikt, der alles bestimmt. 

 

So lernen wir die wichtigste Figur sehr gut kennen und fiebern mit ihr, wenn es um ihr Überleben und das ihrer Crew geht. So viel Aufmerksamkeit hat zuvor nur Benjamin Sisko in einer Pilotfolge gehabt und selbst bei "Deep Space Nine" kam kaum eine der Nebenfiguren zu kurz. Hier ist das anders. Auf Sternenflottenseite lernen wir nur Captain Georgiou und Wissenschaftsoffizier Saru kennen, weitere Zeit bekommen nur noch Sarek und dann T'Kuvma auf dem Klingonenschiff.

 

Statt eine Crew zu versammeln und ihnen Aufgaben zuzuteilen, so dass jeder ein klein wenig zur Geschichte beitragen kann, steht der große Hauptkonflikt im Mittelpunkt, der für die gesamte Staffel bestimmend sein wird. Es wird erklärt, wie es zu diesem Punkt kommen konnte und benutzt Michael Burnham als Fokus.

 

Angesichts der geänderten Formats (alle Folgen der Staffel hängen direkt zusammen) ist dies ein nachvollziehbarer Schritt und was noch wichtiger ist: dadurch kommt auch keine Langeweile auf. Die Action, an deren Höhepunkt eine Weltraumschlacht mit mehreren Schiffen steht, ist charakterbezogen und nicht um ihrer selbst willen da. Indem man die Schlacht aus der Sicht der unterlegenen Schiffes Shenzhou erlebt, fiebert man bis zum Ende mit und wird nicht mit einem Special Effects-Gewitter zugeballert. Die sind zwar eindrucksvoll vorhanden, da sie aber der Geschichte der Figuren dienen, wird das ganze zu einer funktionierenden Einheit (und sollte eine Lektion für J.J. Abrams sein).

 

Besonders gelungen ist die Darstellung der Klingonen. Star Trek ist immer dann am besten, wenn die Macher es schaffen, Themen aus der Gegenwart in einem Science Fiction-Gewand zu präsentieren und damit neue Sichtweisen zu ermöglichen. Die Klingonen unter T'Kuvma sind Fundamentalisten, sie sind Extremisten, sie verkörpern das, was die Welt am meisten derzeit fürchtet. In den Reden von T'Kuvma und seiner Anhänger erkennt man Nationalismus und rassischen Reinheitswahn, aber auch religiösen Fundamentalismus. So wird klar, dass Extremismus, egal aus welcher Richtung, nur zu Leid und Zerstörung führt und das von seinen Anhängern gewollt ist und begrüßt wird. Natürlich gibt es auch Gegenstimmen, aber die sind wenige und werden schnell zurückgedrängt.

 

Wie die Sternenflotte damit umgehen wird, ist mit das spannendste, was man von der Staffel erwarten darf. 

 

Von der Stammbesetzung wird nur Lt. Cmdr. Saru näher vorgestellt. Und der macht einen guten Eindruck. Seine Spezies ist von äußerster Vorsicht in allen Lebenslagen geprägt, also sehr untypisch für einen Sternenflotten-Offizier. Das wirkt interessant und sorgt zugleich für einige humorvolle Situationen mit Burnham. Die beiden kabbeln sich anscheinend gern, was der Serie eine leichte Note gibt. Darsteller Doug Jones verleiht dem Kelpien Würde und Sympathie und tritt mühelos in die Fußstapfen bekannter "Außenseiter-Charaktere" wie Spock, Data, Odo oder Seven of Nine.  

 

 

 

 

 Unendliche Weiten voraus?

 

Die Premiere der neuen Star Trek-Serie überzeugt auf ganzer Linie. Da es mehr ein Prequel ist, werden wir im Grunde mit der nächsten Folge einen zweiten Pilotfilm haben, in dem wir dann die weiteren Crewmitglieder und natürlich die namensgebende USS Discovery kennenlernen dürfen.

 

Die Serie geht ungewöhnliche Wege, um doch zu einem bekannten Ziel zu gelangen: unser menschliches Dasein in einer weit entfernten Zukunft darzustellen und so gleichzeitig auf die Probleme unserer Zeit einzugehen. Ein Spiegel unserer Selbst, gepaart mit der Hoffnung, dass wir es doch besser machen können.

 

Die Charakterzeichnungen sind deutlich ausgereifter als zu Beginn manch anderer Star Trek-Serien, Drama und Action werden ohne Abstriche und mit einem deutlichen Ausrufezeichen dem Publikum vorgesetzt. Im 21. Jahrhundert kann man genau dies von Star Trek erwarten.

 

"Star Trek: Discovery" ist in Deutschland auf Netflix zu sehen. Jeden Montag kommt eine neue Folge.

 

 

 

Bildnachweis TV-Set: CC-BY-SA-3.0 Bjoertvedt