Der Clownprinz des Verbrechens bekommt seinen ersten eigenen Film und wird nun bereits zum 6. Mal von einem anderen Schauspieler dargestellt. Der Erzfeind der Fledermaus ist das Symbolbild von absolutem Chaos und Verrücktheit. Kaum ein anderer Feind Batmans polarisiert so in der Popkultur, wie der Joker.

 

Nachdenklicher macht einen der immer realistischere Ansatz wie der Joker in den Filmen dargestellt wird. So bekommt aktuell gerade diese Variante ziemlich viel Gegenwind von Leuten, die eine Gefahr in dem Film und der Darstellung sehen. Das wirft erneut die Frage auf - wie weit darf Kunst gehen? Uns interessiert aber vor allem was der Film kann.

 

 

 

 

 

Das Leben von Arthur Fleck ist gelinde gesagt ziemlich scheiße. Er ist auf sieben verschiedenen Medikamenten, hat eine mentale Störung, die ihn unkontrolliert Lachen läßt und sein Arbeitsleben läuft auch mehr schlecht als recht. Er ist Single, lebt mit seiner pflegebedürftigen Mutter zusammen und hat auch sonst kein Glück.

 

Er wird oft als Prügelknabe benutzt und so richtig steht niemand hinter ihm. Eine Person, wie es sie zu tausenden in Gotham City gibt. Thomas Wayne, der sich zur Bürgermeisterwahl aufstellen lässt, möchte die Lebenssituation der Bevölkerung verbessern. Natürlich glauben die verarmten Bewohner Gothams das nicht und so ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Situation eskaliert. Hier kommt unbewusst Arthur ins Spiel, der aus reiner Notwehr drei reiche Stadtbewohner erschießt.

 

Arthur bemerkt zum ersten Mal, dass er mehr kann und mehr ist, als der Gepeinigte. Das soll auch der Rest von Gotham erfahren.

 

 

 

 

 

Schaut man sich die anderen Varianten des Jokers an, gab es gute und schlechte. Als Top Notch wird gemeinhin die Version aus The Dark Knight gespielt von Heath Ledger genannt, ebenfalls sehr beliebt ist Jack Nicholsons Joker und der Cartoon Joker, der von Mark Hamill gesprochen wurde. Auch bei Ledgers Version gab es Stimmen, die diesen Hyperrealismus nicht gut fanden - Joaquin Phoenix setzt da aber nochmal eine Schippe drauf.

 

Der Film erzählt eine neue Version des Jokers: Arthur Fleck gibt es im DC Universum nicht - zumindest nicht bis zu diesem Film. Hier wird eine Version gezeigt, die genau den Zahn der Zeit trifft und daher so aktuell wie noch nie zuvor ist. Der gepeinigte Loser-Typ, der keine Chance auf Liebe bekommt, der von seiner Umwelt wie Dreck behandelt wird und immer wieder zurück stecken muss, dessen Träume mit Füßen getreten werden. Der nur einen schlechten Tag von einer absoluten Katastrophe entfernt ist. Diesen Satz kennt man so ähnlich aus der ebenso kontroversen Comic Geschichte The Killing Joke.

 

Auch hier wird eine Variante des Jokers erzählt, die sich durchaus über ihre Handlungen bewusst ist, aber dies damit entschuldigt, das fürchterliche Dinge passieren und das seine Misere eben niemanden interessiert hat. Ein Schwarz-Weiß-Denken könnte man sagen. Auch das ist heute so aktuell wie nie zuvor. Dabei gefallen mir viele Neuinterpretationen der Schreiber sehr: Die ikonische Lache als eine mentale Störung, die recht früh im Film erklärt wird. Arthur lacht unkontrolliert an unpassenden Stellen und kann es nicht stoppen, es schmerzt sogar in seinem Hals. Für diese Umsetzung gehen schon die ersten Lobeshymnen an Joaquin Phoenix.

 

Ich glaube, nicht einmal Heath Ledger konnte so ekelhaft lachen. Es klingt wahnsinnig, traurig und beängstigend zugleich. Ebenfalls wird auch sein mentaler Zustand mit Medikamenten behandelt, diese helfen nur bedingt und niemand möchte Arthur wirklich helfen. Selbst die Sozialarbeiterin hört nur halbherzig bei den wöchentlichen Sitzungen zu. Weiterhin mochte ich seine Hintergrundgeschichte. Diese werde ich aus Spoiler Gründen jetzt nicht erwähnen, aber so wie sie das machen, ist es genau richtig.

 

Hinzu kommt Phoenixs momentane Erscheinung, die ihn eigentlich wehrlos erscheinen lässt, aber den puren Wahnsinn überträgt. So hat sich der Darsteller extrem runtergehungert. Blaue Flecken sehen wirklich fies aus. Seine Art halbnackt zu tanzen wirkt sowohl hypnotisch, als auch beängstigend. Er wirkt generell einfach körperlich krank. Das Thema des Krankseins, vor allem mental krank sein, zieht sich durch den ganzen Film. Arthur ist krank.

 

Seine Mutter ist krank, die Bewohner der Stadt sind krank. Ja, Gotham selber ist krank. Nur gibt es keine Heilung. Batman existiert hier noch nicht und es gibt niemanden, der etwas gegen diesen ganzen Wahnsinn tun kann. Die reichen Bürger Gothams schauen meist weg oder trampeln auf den ärmeren rum.

 

Ebenfalls eine schöne Darstellung ist Thomas Wayne. Denn so wirklich der Gute ist er eben auch nicht. Seine Bemühungen, als Bürgermeister die Lebensqualität zu steigern sind ja schön und gut. Leider amüsiert auch er sich lieber im Kino mit den Gutbürgerlichen und ignoriert die Aufstände vor dem Kinotheater. Auch im direkten Gespräch mit Arthur benimmt er sich doch eher wie ein Arschloch anstatt Verständnis zu zeigen oder die andere Seite zu sehen.

 

 

 

 

 

Die Darsteller sind hier alle unglaublich gut. Joaquin Phoenix stiehlt hier jedem die Schau. Allerdings hat er einen absolut grandiosen Cast an Nebendarstellern zur Seite bekommen. Frances Conroy kann gut spielen, das ist kein Geheimnis, auch hier zeigt sie in der Rolle der Mutter wieder eine beachtliche Leistung. Weiterhin sei Robert De Niro erwähnt, der den Talkshowmaster Murray Franklin spielt. Auch hier haben wir wieder einen tollen Kommentar auf die Gesellschaft.

 

Arthur möchte gerne Stand Up Comedian werden und versucht sein Glück in einem Club. Murray macht sich dann in seiner Sendung über den Auftritt lustig, um seine eigene Sendung zu pushen. Etwas, was Talkshowmaster, wie Stefan Raab oder Jay Leno oft im wahren Leben selber gemacht haben.

 

Apropos De Niro. Man bemerkt schnell, dass der Film sich gut und gerne an Filme, wie Taxi Driver oder King of Comedy orientiert. Generell ist der Martin Scorsese-Vibe deutlich zu spüren. Viele bemängeln daher die Originalität und sehen es mehr als ein Abklatsch dieser Filme. Ich bin der Meinung, dass es eine sehr gute Hommage an diese Filme und Zeit ist. Gut zitiert ist immer noch besser als schlecht neu erfunden. Ebenfalls ist Joker nicht der erste Film, der einen Versager Typus oder Mensch mit nem schlechten Tag durchdrehen und Amoklaufen lassen hat. Ebenfalls wird es auch nicht der letzte sein.

 

Geht man jetzt mal von der Comic Seite heran, sollte einem diese Version gefallen. So ist es eine deutlich erwachsenere Version als die von Jared Leto und passt dadurch perfekt in das schwarze, düstere Universum von Batman hinein. Man bleibt sich auch gewissen Sachen treu, wie eben der Symbolik und geht nicht zu sehr vom Charakter weg, was das Design angeht. Seien wir ehrlich, niemand mochte die blöden Tattoos von Leto.

 

Auch kann ich mir diese Version als super Antagonist von Robert Pattinsons Batman Variante für einen späteren Zeitpunkt vorstellen. Man hat hier einen perfekten Startpunkt geschaffen. Gleichzeitig wirft man auch einen sehr guten Kontrast auf die restlichen DC Filme. Wo Wonder Woman, Justice League und Aquaman doch sehr unterhalten und mega Spass bieten wollten, zeigt Joker einen wesentlich ernsteren und nachdenklicheren Film. Ebenfalls bietet der Film fiese Gewaltspitzen, gerade zum Ende hin. Auch das unterstreicht aber wieder den Charakter des Jokers. Immerhin hat die Comicversion einen Teenager Robin mit einer Bechstange totgeprügelt.

 

 

 

 

 

Die Diskussion über "Was darf Kunst?" möchte ich eigentlich gar nicht ansprechen. Gerade da der Film offensichtliche Schwächen eines Systems zeigt und dieses System sich nur mit Ausreden wehrt oder den Film als bedenklich einstuft, erübrigt sich jegliche Diskussion. Kunst ist dafür da aktuelle Stimmungen einzufangen. Somit sehe und bewerte ich dieses Werk in erster Linie als Film. Das es selbstverständlich offene Kritiken an der Gesellschaft und dem System gibt, ist nicht von der Hand zu weisen.

 

Darum ist es auch wichtig, dass der Film einen zum Nachdenken anregen soll. Er glorifiziert die Taten des Jokers nicht und zu keinem Zeitpunkt, und das ist ganz wichtig, hatte ich komplettes Mitleid mit der Figur Arthur Fleck. Natürlich liegt das auch daran, dass ich weiß wo die Reise hingeht und wer der Joker ist. Allerdings ist es eher erschreckend zu betrachten, was passieren kann, wenn das System versagt und auch absolut keine Anstände macht, etwas dagegen zu tun. Ich für meinen Teil hatte Angst. Ein Mensch wie Arthur Fleck existiert so, es gab ihn in der Geschichte schon und es wird ihn in Zukunft geben.

 

Wichtig ist, dass man etwas dagegen tut und hilft oder die Situation verbessert. Wenn ein Film dieses Nachdenken bei seinen Zuschauern schafft, hat die Kunst ihren Zweck erfüllt.

 

 

 

 

 

Joker ist eine sehr emotionale und angsteinflössende Beobachtung einer ikonischen Comicfigur. Die Besetzung von Joaquin Phoenix ist geradezu perfekt und bietet eine der furchteinflössensten Version des Jokers. Doch auch der Nebencast überzeugt und unterstüzt, wo er kann.

 

Es gibt ein, zwei Längen aber die sind zu verkraften. Die Neuinterpretationen wirken frisch und passen zum Charakter. Trotzdem bleibt man sich vielem treu und behandelt den Comiccharakter mit sehr viel Würde. Als Meisterwerk würde ich es jetzt noch nicht ansehen, jedoch ist es einer der wichtigsten Filme 2019. Sollte man sich unbedingt anschauen!